Jottwede #9

Die Jubiläumsausgabe naht! Nach neun Heften wird das Jottwede langsam zur literarischen MILF. Es zeigt noch immer keine Altererscheinungen und bleibt sich innerlich sowie äußerlich treu.

Je nach Zählweise warten im Inneren des neusten Hochglanzerzeugnisses 130 Seiten auf die erhöhte Lesebereitschaft während der Corona-Zwangspause. Das Jottwede ist wieder da – und zwar genau zur rechten Zeit! Für schmale drei Taler liefert die Autorenschaft in alter Manier ein abwechslungsreiches Heft ab, das sich seinem Stil nach eigener Einschätzung äußerst treu bleibt: „Viel Balkan, einige gute Derbies, mancher Sinnloskick, viele Reiseeindrücke, drei Abbruchspiele und generell einfach längere Touren.“

Randale kommt immer gut

Das Vorwort hält, was es verspricht: Neben der „Rückkehr“ Zvezdas in die Champions League wurden unzählige Partien auf dem Balkan besucht und dieser zieht bei mir bekanntlich immer. Auch sonst finden sich – in der Postille mit altbewährter Polaroid auf Schmierzettel-Optik – einige gute Spiele aus dem sehr nahen Osten wieder, die stets mit historischen und kulturellen Informationen ausgeschmückt werden. Besuche in Moldawien, Transnistr.. äh, Pardon.. Pridnestrowien oder bei Randalespielen in Polen tragen somit ihren Teil zur Vielfalt bei. „Ist es das, was man sehen will, wenn man zu Derbys in den unteren Ligen dieses Landes fährt?“ Na klar, Randale kommt immer gut.

Trockener Humor zur Enttrocknung

Aufgelockert werden die teils längeren Textabschnitte der Touren durch Impressionen, Körperkunstaufnahmen und Graffitis. Aber auch kurze Abstecher nach Italien oder das Meisterschaftsspiel von PAOK helfen beim kurzen Verschnaufen. Dies führt mich zum einzigen Kritikpunkt: Auch wenn mancherlei Anekdote, Meinungsbekundung oder zur Not der Erklärbär den Schwall an Spielen und Reiseeindrücken unterbricht, fehlt mir oftmals eine humoristische Note. Es fällt mir trotz der Güte der Texte bei jeder Ausgabe aufs Neue schwer, den Lesedrang aufrecht zu erhalten. In einem Rutsch durchlesen, ist entgegen meiner Angewohnheit eine verhältnismäßig zähe Sache.

Die taz ist ein Schundblatt

Nennenswerte Höhepunkte der Ausgabe gibt es viele, doch blendet man die Reisedestination halbwegs aus und verbietet mir, erneut auf den Balkan einzugehen, bleiben vor allem Argentinien und der Iran im Gedächtnis. Gerade letztere Reise offenbart Eindrücke in ein oftmals verteufeltes Land und seine Kultur. Es macht einfach Freude, von der Gastfreundlichkeit und dem Alltag der Menschen zu lesen sowie etwas über Regionen abseits der Hauptstadt zu erfahren. Auch das Aschura-Fest erhielt einen extra Erklärbär-Kasten, danke für diesen Exkurs! Mit dem Besuch des Teheran-Derbys zwischen Esteghlal und Persepolis wird der Ausflug zudem astrein abgerundet. Einziges Manko: Es wäre natürlich interessant gewesen, auf welchem Weg man ohne Kontakte an eine Karte für dieses Spiel kommt. Obwohl mir ein meinungsstarker Text stets wichtig ist, hätte ich für diese Information ohne zu zögern, die ein oder andere Ausschweifung gestrichen. „Gut, nun aber genug der Gesellschaftskritik, wir sind ja immer noch ein Fußballheft und nicht die Kolumnenabteilung der TAZ.“ Absolut und Gott sei Dank, denn das Jottwede ist bei Leibe kein Schundblatt, sondern eine eindringliche Kaufempfehlung wert.