Vom Regen in die Trulli

Wenn drei Tage vor der Abreise die wichtigsten der geplanten Spiele abgesagt werden, sind teilweise unwetterartige Zustände am unteren Ende des Stiefels das geringste Problem. Die Partien in Benevento und Lecce sowie die spontanen Kulturabstecher ermöglichten dennoch einen annehmbaren Jahresausklang.

Ein wenig angesäuselt schlendere ich nach einem Weihnachtsmarktbesuch zur Bushaltestelle und husche geschwind über den Nachrichtenstrang der sozialen Netzwerke. Zwischen Hilfegesuchen für das Mailänder Derby im Februar, ausgiebigen Fotogalerien von verregneten Kunstrasenplätzen und unzähligen Artikeln über Klima-Gretas Zugreise durch die Bundesrepublik sticht mir sofort ein Artikel ins Auge: Alle Partien der Serie C werden am kommenden Wochenende abgesagt. Fuck! Innerlich trete ich einen Mülleimer um und würge meinen Nebenmann so lange, bis er blau anläuft und Äderchen aus seinen Augen heraustreten. Äußerlich sind meine Gewaltfanstasien nur unmerklich sichtbar und ich durchforste hektisch die Spielpläne nach einem adäquaten Ersatz für die ohnehin zu teure Tour.

Anstatt der Hoffnung auf einen Auswärtsauftritt einer meiner favorisierten Fanszenen bei Picerno gegen Cavese und dem Stillen der langjährigen Sehnsucht im Stadio San Nicola zwingt mich der Streik der dritthöchsten Liga zu einer längeren Fahrt nach Benevento oder Crotone und macht mir zudem noch zwei weitere Spiele in der Region Bari zunichte – Stornogebühr für eines der Hotels inklusive. Ich hoffe, dass die Politik wenigstens einlenkt, indem sie den Vereinen die geforderte steuerliche Ausnahmeregelung gewährt und dadurch in Zukunft weniger Vereine insolvent gehen. Dann hätte mein Leid wenigstens der Verwirklichung eines höheren Zwecks gedient.

Benevento singt lieber im Kanon

Mit einer standesgemäßen Verspätung von zehn Minuten bringt mich die deutsche Katastrophe auf Schienen am Freitagabend in die Bundeshauptstadt, von wo am nächsten Morgen in aller Hergottsfrühe der Flieger gen Brindisi abhebt. Der angepeilte Doppler wird auf der Fahrt in Richtung Benevento bereits aus Zeitgründen verworfen und so gönne ich mir mit noch immer grummeligen Gemüt eine exzellente Focaccia an der Tankstelle. Was sich in Deutschland „bester Italiener der Stadt“ schimpft, würde hier nicht einmal bei einem Buffet der Bahnhofsmission zu glücklichen Gesichtern führen: Meine Laune wird etwas besser.

Bei strömendem Regen empfängt mich der Inhaber meiner Unterkunft mit einem freudigen „Salve“ und ist nach der Verkündung meiner Abendpläne sofort Feuer und Flamme, mich in seinem Gefährt zum Stadion zu kutschieren. Dass eine weitere Reisegruppe die angegebene Check-In-Zeit erheblich ausdehnt, grenzt für ihn an Blasphemie – schließlich muss doch klar sein, dass er heute pünktlich beim Spiel sein muss. Nach mehreren Anlassversuchen seiner Schrottkarre stehen wir in Windeseile auf einem „regelkonformen“ Parkplatz des Bürgersteigs zwischen Halteverbotsschild und Mülltonnen und ich trete den Weg um das Stadion an, in welchem Benevento im Zuge der einzigen Erstligasaison 2017/18 einen Negativrekord mit einem Start von 14 verlorenen Spielen nacheinander aufstellte.

Licht und Schatten: Der Ausblick aus dem Dunkel heraus auf die Flutlichter des Stadio Ciro Vigorito steht symbolisch für den Verlauf des Tages, denn so richtig wusste das Spitzenspiel der Serie B zwischen dem Erst- und Drittplatzierten nicht zu begeistern. Zwar hatte es während des Spiels aufgehört zu regnen und dank des Putzlappens eines Nebensitzers blieb mein Allerwerterster trocken, doch die Anzahl der Zuschauer wurde durch die vorherigen Regenströme sicherlich dezimiert. Das Spiel war durchweg ausgeglichen und blieb durch eine vergeigte Hundertprozentige im Zuge eines Nachschusses, dank dem Pfosten, bis zum Schluss ausgeglichen. Das einzige Tor nach einer Elfmeterwiederholung war allerdings einer der wenigen Höhepunkte. Mit Maggio, Insigne und Oliver Kragl verbuchten auf Gastgeberseite einige interessante Spieler neue Einsatzzeiten, diese blieben jedoch allesamt hinter den Erwartungen an den Tabellenführer zurück. Die Auswechslung des unscheinbaren deutschen Publikumslieblings untermauerte dies mehr als jede analytische Ausschweifung.

Mitte der ersten Halbzeit sorgte ein partieller Ausfall der Flutlichter zwischenzeitlich für ansehliches Bild aus einem Meer an Handytaschenlampen, dem Spielfluss hat dies aufgrund der ohnehin oft auftretenden Behandlungspausen jedoch eher geschadet. Von Seiten der Ränge überzeugten die später ankommenden Gästefans, das Chaos auf der Heimseite konnten sie damit nicht wirklich wettmachen. Ober- und Unterrang der „Curva Sud“ sind anscheinend derart uneins, dass stets unterschiedliche Lieder gesungen werden. Im Optimalfall beginnt der Unterrang erst dann mit einem Lied, wenn der Oberrang es seit geraumer Zeit abgeschlossen hat. Einziger Lichtblick war hierbei das „Che bello è“ nach dem 1:0 – auch wenn sich der schwarze Haufen auf den unteren Stufen keineswegs daran beteiligte. Immerhin blieb mir der beschwerliche Fußmarsch auch für den Rückweg zur Unterkunft erspart und die vom Gastgeber empfohlene Pizzeria zauberte eine fabelhafte Calabrese als Nachtmahl.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Nach einer kurzen Nacht stand die Fahrt an den Stiefelabsatz an. Ich kann dabei von Glück reden, dass während der Nacht keiner der umliegenden Bäume auf meinem Mietwagen genächtigt hat, denn kaum an der Hauptstraße angelangt, blockierte der erste umgestürzte Stamm die Straße. Eine Blockade, die sich noch zwei Mal wiederholen sollte, bevor ich über schlecht geteerte und kurvige Landstraßen einen Weg aus der Stadt und durch die Hügellandschaft fand. Die Wetterbedingungen wurden mit zunehmender Distanz keineswegs besser und so zweifelte ich immer mehr an der Wetterprognose von 17 Grad bei teils bewölktem Himmel – das Besichtigen der Sehenswürdigkeiten in Lecce war somit hinfällig. Vor Ort angekommen klarte der Himmel jedoch tatsächlich innerhalb von fünf Kilometern auf, die Entscheidung war allerdings bereits zugunsten eines bequemen Parkplatzes hinter der Gegentribüne gefällt. Denn Lecce mag eine der schönsten Städte in Apulien sein, ist zugleich aber auch eine einzige „Traffico limitado“. Die Geldbußen für das Übersehen der unübersichtlich angebrachten Schilder waren bereits aus Pisa und Bologna bekannt und sollten dieses Mal tunlichst vermieden werden.

Vor dem Stadion hatte ich nun natürlich mehr Zeit, als ein Panino benötigt und ärgerte mich etwas ob der wenigen Möglichkeiten, sich in der abgelegenen Umgebung die Zeit zu vertreiben. So beobachtete ich eben die Polizei bei dem kühnen Versuch, ihre Karren aufgrund der komplett gefluteten Auffahrt als Fähre zweckzuentfremden und lauschte den ersten Böllern von Seiten der Heimfans. Die ersten Besucher im Stadio Via del Mare, welches seit 2002 den Namenszusatz des Bürgermesiters trägt, waren hingegen die Gäste aus Bologna. Diese machten bereits gut eine Stunde vor Spielbeginn ordentlich auf sich aufmerksam und versprachen mit einer für die Distanz phänomenalen Mannstärke eine interessante Partie. Die Heimkurve erschien erst kurz vor Anpfiff im Rund und verzichtete auf eine Vielzahl von Bannern – visuell setzten die Gelb-Roten auf viele kleine Fahnen und einige Doppelhalter. Ab und an gab es während des Spiels noch auf den Stufen entsorgte Bengalen sowie Rauch zu sehen. Nichts Besonderes, aber dennoch eine schöne Untermalung des ansprechenden Supports. Dieser war gerade in den ersten Minuten brachial laut, verflachte dann aber recht zügig und passte sich mit der 0:1 Führung kurz vor der Hälfte dem Spielstand an. Hätte der wundervolle Distanztreffer von Babacar nach gut zehn Minuten gezählt, wäre es bei den Gastgebern sicher etwas furioser zugegangen.

Stattdessen dominierten die Gäste aus Bologna. Bereits in der ersten Hälfte hätte die Torausbeute wesentlich besser ausfallen können. Nach dem Wiederanpfiff tat Lecce mit der offensiveren Ausrichtung das Übrige dazu und die Gäste erhöhten durch Kontersituationen auf 0:3. Vor allem Palacio überraschte dabei immer wieder mit seinen spritzigen Aktionen und gewonnen Kopfballduellen. Den 1,76 Meter großen Hünen hatte ich karrieretechnisch schon abgeschrieben, aber zumindest in diesem Spiel schien er eine sinnvolle Ergänzung für die Mannschaft zu sein, indem er mehrere Chancen herausspielte und dank hervorragender Übersicht ein Tor vorbereitete. Herausragend war an diesem Tage jedoch einzig Riccardo Orsolini. Die Leihgabe von Juventus Turin durfte zwei Tore verbuchen und seinen ohnehin eminent gestiegenen Marktwert weiter in die Höhe treiben. Während die Zuschauer am Ende der zweiten Halbzeit einzig auf das 0:4 oder den Abpfiff warteten, gelang Babacar endlich aber unerwartet ein gültiger Treffer. Das 2:3 in der Nachspielzeit sollte trotzdem rein kosmetischer Natur sein. Ein Sensationsausgleich und der damit verbundene Jubelausbruch blieb dem Heimatverein von Antonio Conte erspart.

An meinem Hotel weit außerhalb des Stadtzentrums von Bari – in Nähe des eigentlich anvisierten Stadio San Nicola – angekommen, begann schließlich mein Märtyrium. Hatte ich dem Besitzer zuvor extra meine genaue Ankunftszeit mitgeteilt, wartete ich nun alleine und nach gut einer halben Stunde mit drei weiteren Leidensgenossen auf die Öffnung der Pforte. Es ist immer beruhigend, wenn man das Telefon hinter der Tür klingeln hört und sich damit gewiss sein kann, dass die Kontaktversuche aller vier Parteien niemals zu einem Erfolg führen werden. Nach gut einer Stunde kam der mit Dreadlocks bestückte Herr seelenruhig durch den Hinterhof dieses gottverlassenen Höllenlochs gedackelt und überreichte nach einer Darbietung seiner Minderbemittelheit endlich die Schlüssel für die Ramschbude. Ich hatte selbstverständlich keinen Luxustempel gebucht, aber der stattliche Preis für die beiden Nächte kam nach der Besichtigung des Zimmers einer Beleidigung gleich. Krabbelndes Ungeziefer im Bad, ein riesiger Fleck auf dem Kopfkissen und eine nicht gewaschene Decke waren hierbei noch das geringste Problem. Hätte ich doch bloß die Rezensionen gelesen.

Die komplette Nacht hindurch bellten handgezählte fünfzehn Hunde in ihrem verwahrlosten Hinterhof neben der Bruchbude mit den eingeschmissenen Fenstern. Und da die Heizung auf gefühlte 50 Grad eingestellt war und sich keineswegs regulieren ließ, durfte ich mir dieses Oratorium auch noch bei offenem Fenster anhören. Die einzige Lärmbelästigung waren die von ihnen bei jedem Auto oder Passanten hervorgebrachten Laute allerdings nicht. Alle halbe Stunde klingelte es an der Türe und der Besitzer vertrieb sich abwechselnd mit lautem Fernsehen oder noch lauterem Telefonieren die Zeit. Durchgehend klingelte sein verficktes Telefon in unfassbarer Lautstärke und er schrie sogleich in irgendeiner afrikanischen Sprache etwas in den Hörer. Nach langer Überlegung während der schlaflosen Nacht wurde eine neue Unterkunft gebucht und damit eine zweite Nacht der Reise komplett für die Katz bezahlt. Ich hätte den Misthaufen beim Verlassen am nächsten Morgen niederbrennen sollen – es wäre für alle Beteiligten das Beste gewesen. Den Fotos auf der Buchungswebsite hätte es damit sicher nicht weniger entsprochen.

Diese Stadt ist picobello

Bei der Abfahrt war ich noch reichlich bedient, doch das anstehende Kulturprogramm sollte diesen Zustand erheblich verbessern. Zunächst ging es gen Andria, wo ich am vorherigen Tage auf einen Besuch des Derbys gegen Taranto verzichtet hatte. Die erste gute Entscheidung, denn dieses trumpfte allein durch leere Ränge auf. Auf einem Hügel vor der Stadt erreichte ich schließlich mein Ziel und parkierte dank der Jahreszeit verhältnismäßig günstig und direkt vor der Attraktion: dem Castel del Monte. Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kalksteinschloss wurde vom damaligen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Friedrich dem Zweiten, in Auftrag gegeben und gibt bis heute Rätsel auf. So ist nicht geklärt, welchen Zweck der imposante, achteckige Bau mit seinen achteckigen Türmen erfüllen sollte.

Neuerdings wird behauptet es diente einzig der Machtdemonstration. Ähnlichkeiten mit einer Krone hat das auf dem Hügel thronende Objekt auf jeden Fall. Anzeichen einer Wehranlage sind nicht gegeben und die mutmaßliche Funktion als Aufbewahrungsort des Staatsschatzes oder der eines Jagdschlosses würde dieser Hypothese zumindest nicht gänzlich widersprechen. In Apulien handelt es sich so oder so um eines der sehenswertesten Bauwerke, auch wenn zehn Euro Eintritt für das wenig spannende Innere übertrieben scheinen. Hier empfiehlt sich ausnahmsweise der sonst von mir verschmähte Presseausweis. Der zunehmenden Anzahl an geizigen Pseudojournalisten muss ich diesen Rat jedoch sicherlich nicht mitgeben.

Das bisher fabelhafte Wetter wurde auf der Fahrt zu meiner neuen Unterkunft in Alberobello immer schlechter, doch meine Laune konnte dies nicht trüben. Das frisch gebuchte Bungalow wurde zwar nicht durch kostenfreies „Bunga bunga“ ergänzt, jedoch unkompliziert durch eine luxeriösere Unterkunft zum gleichen Preis ersetzt. Nachdem die Wassermassen in der Dusche über mein Haupt geflossen waren, offenbarte sich außerhalb meines neuen Zimmers ein überraschendes Bild. Der Himmel hatte den Wasserfluss ebenfalls eingestellt und so ging es ohne den Regenschirm der wahnsinnig netten Besitzerin in den Kern des übersichtlichen Städtchens. Alberobello erfuhr in den letzten Jahren aufgrund seiner Trulli eine Überflutung an Touristen. Zu dieser Jahreszeit hielt sich der Auflauf jedoch in stark überschaubaren Grenzen, weswegen ich unbedingt für einen Besuch außerhalb der Hauptsaison plädiere. Inmitten chinesischer Heerscharen wäre es sicherlich unerträglich gewesen.

Der Trullo ist ein Kegelbau, der auch im Umland von Alberobello ab und an zu sehen ist. In dieser Stadt treten die kleinen Häuser mit ihren Dächern aus Kalksteinplatten allerdings so gehäuft auf wie nirgendwo sonst. Der Grund dafür ist eine List des ehemaligen Feudalherren im 17. Jahrhundert. Er wollte eine Bestimmung des Königreichs Neapels umgehen, wonach die Gründung neuer Ortschaften nur mit Erlaubnis und gegen Geld gestattet war. Die Bauweise ermöglichte den Siedlern, die ohne Mörtel angebrachten Dächer schnell zu demontieren, wenn die Kontrollkommission den Ort begutachtete: Eine armselige Ansammlung von halben Wänden könne schließlich nicht als Siedlung bezeichnet werden. Die Steuerabgaben blieben damit erspart.

Als erstes Ziel hatte ich bei meinem Spaziergang die Basilika der Heiligen Cosma und Damiano auserkoren, die ansehnlich am Ende der Straße liegt. Direkt dahinter befindet sich das Trullo Sovrano – das einzige doppelstöckige Trullo der Stadt. Während in diesem Bereich nur wenige der Kegelbauten zu finden sind, sah die Sache nach einem Marsch über den Piazza del Popolo ganz anders aus. Mit langsamen Schritten ging ich die Treppe hinunter – auf das Trulliviertel zu, das sich hinter der Hauptstraße auftürmte. Und schon begann es wieder wie aus Eimern zu regnen. Hat man denn nie seine Ruhe? Fluchtartig trieb es mich in das zuvor auserkorene Bistro „Pane e Mozza“, wo mich gleich zwei hervorragende Panini samt erlesener Zutaten zu einem fairen Preis erwarteten.

Bestens gestärkt ging es mit nachlassendem Regen auf den Hügel des Trulliviertels, an dessen Spitze die eigentümliche Trullikirche Sant’Antonio di Padova steht. Von dort aus schlenderte ich durch die verwinkelten Gassen zwischen den spitzdächigen Häusern und genoss, diesen Ort nahezu für mich alleine zu haben. Insbesondere am Abend, als die Dächer der Trulli farbig angestrahlt wurden und dabei ihre Farbe stets von Blau zu Rot wechselte, war es ein äußerst romantischer Spaziergang, den keine größere Stadt in Apulien bieten würde: Nach einem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt könnte man geradzu ins Schwärmen verfallen. Zum Abschluss des Tages dinierte ich noch eine vorzügliche Pizza Dolce e Picante im „Basilico Rosso“ – eine Pizzeria, die sich nicht umsonst Gourmet auf die Fahnen geschrieben hat und die an dieser Stelle unbedingt empfohlen werden muss. Insbesondere weil das reichhaltige, europäische Bierangebot mich als Beilage absolut überzeugt hat.

Ratgeber: Von Loch zu Loch

Bevor der Flieger mich am Nachmittag wieder in die Heimat bringen sollte, hatte ich mir in der Provinz Brindisi eine letzte Besichtigung zurechtgelegt. Nachdem ich einen Schwarm aus abertausenden Vögeln durchquert hatte, der sich wie ein wehendes Tuch über die Straße legte, war der Weg in die gut erhaltende Altstadt von Ostuni allerdings sehr beschwerlich. Um vom Corso Vittorio Emanuele II einen phänomenalen Ausblick auf das Meer von weißen Kalksteinhäusern zu erhalten, musste ich mein Gefährt inklusive Drängler im Rückspiegel durch engste Gässchen bugsieren, bevor beim Hinabfahren eine wichtige Entscheidung anstand: Denn die Straße wurde plötzlich durch ein „Traffico Limitado“-Schild gespalten, welches keineswegs einer der Abzweigungen zugeordnet werden konnte. Es empfiehlt sich am Ende des Corso rechts zu fahren, wo sich schließlich ein perfekter und günstiger Parkplatz befindet. Die linke Straße hätte ins Verderben geführt. Die Altstadt von Ostuni bot mir dann ein Gewirr aus kleinen Gassen und einigen Sehenswürdigkeiten wie das Rathaus, die vor ihm befindliche Oronzo-Säule oder die vor allem von Innen wunderschöne Kathedrale. Alles in allem begeisterte der Panoramablick jedoch mehr als die nähere Betrachtung.

Wer sich angesichts der Zwischenüberschrift nun einen Ratgeber über die promiskuitive Benutzung des weiblichen Geschlechts gefreut hat, wird zum Abschluss dieses Textes enttäuscht. Gemeint sind die Straßen Apuliens, denen ich einen humoristischen Schlussteil widmen möchte. Zwar fährt man hier gemäßigter als in Neapel, doch die Reise über die metertiefen Schlaglöcher führte doch zu einigen Erkenntnissen. Zunächst ist festzuhalten: Der Italiener blüht besonders bei Geschwindigkeiten von 70 bis 110 km/h auf. Auf der Autobahn ist es somit meist der Deutsche, der die linke Spur bevölkert. Innerorts und auf Landstraßen zeigt hingegen der Einheimische seine fahrerischen Künste in vollem Umfang.

Geschwindigkeitsbeschränkungen: Egal ob nun 30, 50 oder 70 km/h erlaubt sind, es gebietet sich stets mindestens 30 km/h schneller zu fahren. Alles andere wäre ein Verkehrsbehinderung und wird mit Überholen auf beiden Seiten geahndet. Auf durchgezogene Linien, Polizeifahrzeuge oder Gegenverkehr darf hierbei keine Rücksicht genommen werden. Seinen gemächlichen Lebensstil muss der Süditaliener schließlich durch Zeitersparnisse auf der Straße kompensieren. Sollte es allerdings tatsächlich zu einem Stau kommen, werden auch im Einsatz befindliche Krankenwagen an die Pflicht zur Müsigkeit erinnert. Rettungsgasse Fehlanzeige. Hier wartet man noch als Gemeinschaft.

Lichtsignale: Besonders auf der Autobahn ist ein gesetzter Blinker nicht zwingend ein Indiz für einen Spurwechsel. Meistens hat der Fahrzeugführer über zwanzig Minuten schlichtweg vergessen, dass er eben jenen während seiner Handyspielereien betätigt hat. Ein Aufblendlicht hingegen signalisiert wie auch in Deutschland, dass 30 km/h über dem Tempolimit eben nur das Minimum, nicht aber die örtliche Gepflogenheit ist. Auf Landstraßen ist diese Erinnerung jedoch anders zu bewerten. Hier wird ohne visuelle Anmerkung überholt. Sollten Sie dennoch ein aufblendenes Licht im Rückspiegel wahrnehmen, handelt es sich entweder um den Sonnenbrillentest, welcher kontrollieren soll, ob sich auch bei bewölktem Himmel und eintretender Dunkelheit ein verdunkeltes Glas auf dem Nasenrücken befindet oder um einen Rentner in einer Schrottkarre. Letzterer wird aufgrund seiner Angst zu Überholen ohnehin der Selektion der Straße zum Opfer fallen und sollte deshalb nicht weiter beachtet werden. Zwar äußert diese Sorte Autofahrer oft und gerne den Wunsch zu Überholen, bei Kurven oder Kreisverkehren legt sie jedoch eine fahrerische Leistung an den Tag, die der einer gerade volljährigen Schülerin eine Woche nach der Führerscheinprüfung gleicht. Spätestens dann haben Sie den Kandidaten wieder abgehängt und damit für etwa zwei oder drei Minuten Ihre Ruhe.

Straßenbeschaffenheit: Schlaglöcher sind in Apulien häufiger zu finden als Fahrbahnmarkierungen. Wer anfangs noch versucht, die lästigen Stoßdämpferzerstörer zu umfahren, wird bereits nach kurzer Zeit die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens eingestehen müssen. Rüttelstreifen vor Kreisverkehren sind somit mehr als lachhaft, schließlich rüttelt das Gefährt bei normaler Straßenbeschaffenheit weitaus mehr. Ein Warnschild, das etwa vor Bremsschwellen in einem Industriegebiet warnt, ist somit auch keine Aufforderung, das Tempo auf die angeschriebenen 40 km/h zu reduzieren, sondern dient als Handlungshilfe, um die Geschwindigkeit im italienischen Sinne anzupassen – auf mindestens 80 oder 90 km/h. Immerhin ist die Straße hier so gut geteert, dass überhaupt erst Schwellen errichtet wurden. Sozusagen eine innerstädtische Autobahn. Bereits nach vier Tagen mit dieser italienischen StVo fällt es schwer, sich jemals wieder an den deutschen Verkehr zu gewöhnen. Dass in der Bundesrepublik weitaus mehr rücksichtslose Wichser auf den Straßen sind, ist traurig genug.